Wenn herkömmliche Antiepileptika versagen, suchen Betroffene und Familien nach Alternativen. Cannabidiol (CBD) ist in den letzten Jahren von einer kontrovers diskutierten Substanz zu einem ernsthaft erforschten Wirkstoff geworden, mit Studien in den führenden medizinischen Fachzeitschriften und einer behördlichen Arzneimittelzulassung in den USA und Europa. Dieser Beitrag fasst zusammen, was die Wissenschaft bisher belegen kann, wo die Grenzen liegen und welche Rolle freiverkäufliches CBD im Vergleich zu zugelassenen Arzneimitteln einnimmt.
Inhaltsverzeichnis
- Was Epilepsie eigentlich ist
- Wie CBD im Gehirn auf Anfälle wirkt
- Was die klinischen Studien zeigen
- CBD im Vergleich zu klassischen Antiepileptika
- Nebenwirkungen und Wechselwirkungen
- Was freiverkäufliches CBD leisten kann
- Was die nächsten Jahre bringen werden
- Häufig gestellte Fragen
- Quellen & Studien
Was Epilepsie eigentlich ist
Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen überhaupt. Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation leben weltweit rund 50 Millionen Menschen damit7. Hinter dem Begriff verbergen sich sehr unterschiedliche Krankheitsbilder, von harmlosen kurzen Bewusstseinsaussetzern bis zu schweren generalisierten Anfällen mit Verkrampfungen, Stürzen und Verletzungsrisiko. Gemeinsam ist allen Formen eine Übererregbarkeit von Nervenzellen im Gehirn, die plötzlich und ohne erkennbaren Auslöser feuern.
Die meisten Patientinnen und Patienten sprechen gut auf moderne Antiepileptika an. Rund ein Drittel allerdings nicht. Bei dieser therapieresistenten Gruppe versagen auch Kombinationen aus zwei oder drei Wirkstoffen, und die Anfälle bleiben Teil des Alltags. Genau hier setzt die Forschung zu Cannabidiol an. Wer sich grundsätzlich mit der Pflanze beschäftigen möchte, findet in unserer Übersicht Was ist CBD die wichtigsten Eckdaten.
Wie CBD im Gehirn auf Anfälle wirkt
Anders als das psychoaktive THC bindet CBD nur sehr schwach an die klassischen Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2. Stattdessen wirkt es über eine Reihe anderer Zielstrukturen, die alle eines gemeinsam haben: Sie regulieren die Erregbarkeit von Nervenzellen. Dazu zählen Serotonin-5-HT1A-Rezeptoren, der GPR55-Rezeptor, TRPV1-Ionenkanäle und Effekte auf den Calciumeinstrom in Neuronen. In der Summe dämpft CBD die elektrische Aktivität, ohne grundlegende Hirnfunktionen zu blockieren.
Eine zweite Erklärungsebene liefert der sogenannte Entourage-Effekt. Der Pharmakologe Ethan Russo hat im British Journal of Pharmacology ausführlich beschrieben, dass Vollspektrum-Extrakte aus der Hanfpflanze pharmakologisch anders wirken als isoliertes reines CBD5. Cannabinoide und Terpene wie Linalool, Myrcen oder β-Caryophyllen greifen an unterschiedlichen Rezeptoren an und können sich gegenseitig potenzieren. Für den Epilepsiekontext relevant ist diese Einsicht deshalb, weil eine brasilianische Meta-Analyse 2018 zeigen konnte, dass CBD-reiche Cannabis-Extrakte bei therapieresistenter Epilepsie messbar stärker wirkten als purer Wirkstoff bei vergleichbarer Dosis4.
Die Mechanismen im Detail sind weiterhin Forschungsgegenstand. Was aber als gesichert gilt: CBD greift in die Erregungs-Hemmungs-Balance des Gehirns ein und kann dort Anfälle reduzieren, wo die Übererregung pathologisch ist. Wer mehr zur Rolle der Pflanzenstoffe wissen möchte, findet in unserem Beitrag Was sind Terpene einen Einstieg.
Was die klinischen Studien zeigen
Die Evidenz für CBD bei Epilepsie ist deutlich besser als bei den meisten anderen CBD-Anwendungen. Drei randomisierte, placebokontrollierte Phase-3-Studien stehen heute im Zentrum der Diskussion.
Dravet-Syndrom: die Devinsky-Studie 2017
Im New England Journal of Medicine veröffentlichte ein internationales Forschungsteam um Orrin Devinsky 2017 die erste große Doppelblindstudie zu CBD beim Dravet-Syndrom, einer schweren genetischen Epilepsieform im Kindesalter. 120 Kinder und junge Erwachsene erhielten randomisiert entweder CBD in einer Dosis von 20 mg pro Kilogramm Körpergewicht täglich oder Placebo, jeweils zusätzlich zu ihrer bestehenden Standardtherapie. Die monatliche Frequenz konvulsiver Anfälle sank in der CBD-Gruppe um 38,9 Prozent, gegenüber 13,3 Prozent unter Placebo1. Diese Studie war die wissenschaftliche Grundlage für die FDA-Zulassung von Epidiolex® im Jahr 2018.
Lennox-Gastaut-Syndrom: zwei unabhängige Phase-3-Studien
Beim Lennox-Gastaut-Syndrom, einer ebenfalls schweren therapieresistenten Epilepsieform mit charakteristischen Sturzanfällen, liegen sogar zwei voneinander unabhängige Phase-3-Studien vor. Devinsky und Kollegen berichteten 2018 erneut im NEJM eine Reduktion der Sturzanfälle um 41,9 Prozent unter 20 mg CBD pro Kilogramm täglich, gegenüber 17,2 Prozent unter Placebo2. Im selben Jahr veröffentlichte ein Team um Elizabeth Thiele in The Lancet Neurology die GWPCARE4-Studie, die zu praktisch identischen Ergebnissen kam3. Zwei voneinander unabhängige Phase-3-Bestätigungen am selben Krankheitsbild gelten in der Medizin als starkes Replikationssignal.
Was die brasilianische Meta-Analyse zeigt
Pamplona, da Silva und Coan haben 2018 in Frontiers in Neurology die Daten aus 11 Beobachtungsstudien mit insgesamt 670 Patientinnen und Patienten zusammengefasst4. Etwa zwei Drittel berichteten unter CBD-Behandlung über eine geringere Anfallshäufigkeit. Spannend ist der Vergleich von Vollspektrum-Extrakten gegen reines CBD: Die Extrakte erzielten bei deutlich niedrigeren Dosen vergleichbare Effekte. Das ist exakt jener Entourage-Effekt, den Russo Jahre zuvor pharmakologisch hergeleitet hatte.
Drei voneinander unabhängige Phase-3-Studien und eine Meta-Analyse mit Hunderten von Patienten belegen: CBD reduziert die Anfallsfrequenz bei bestimmten therapieresistenten Epilepsieformen messbar. Die stärksten Daten gibt es für das Dravet-Syndrom, das Lennox-Gastaut-Syndrom und Tuberöse Sklerose. Das ist ungewöhnlich gute Evidenz für ein Cannabinoid und der Grund, warum Epidiolex® heute zugelassen ist.
Während die Forschung weiterläuft, zeigen erste Studien, dass CBD das Potenzial hat, bei Epilepsie die Häufigkeit von Anfällen zu verringern. Eine vielversprechende Perspektive, die mit fundierter Begleitung und realistischer Erwartung verknüpft sein muss.
CBD im Vergleich zu klassischen Antiepileptika
Wer schon länger mit Antiepileptika lebt, kennt das Problem der Nebenwirkungen. Müdigkeit, kognitive Verlangsamung, Gewichtsveränderungen, Leberbelastung oder bei manchen Wirkstoffen sogar das Risiko für Fehlbildungen in der Schwangerschaft. CBD steht in diesem Vergleich nicht ohne eigene Schwächen da, schneidet aber in einigen Punkten tatsächlich günstiger ab. Die Tabelle fasst zusammen, wie sich der Wirkstoff gegenüber klassischen Therapien verhält.
| Aspekt | Klassische Antiepileptika | Cannabidiol (Epidiolex® / Epidyolex®) |
|---|---|---|
| Wirkmechanismus | Natriumkanal-Blockade, GABA-Verstärkung u. a. | 5-HT1A-Modulation, GPR55, TRPV1, Calcium-Homöostase5 |
| Behördlich zugelassene Indikationen | Breite Palette an Epilepsieformen | Dravet, Lennox-Gastaut, Tuberöse Sklerose12 |
| Häufigste Nebenwirkungen | Sedierung, kognitive Effekte, Lebertoxizität, teilweise Teratogenität | Müdigkeit, Appetitverlust, Durchfall, Leberenzymanstieg6 |
| Wechselwirkungen | Variabel je nach Wirkstoff | Klinisch relevant mit Clobazam (CYP2C19)6 |
| Verschreibungspflichtig | Ja | Ja, ausschließlich Facharzt |
| Erforschte Evidenzbasis | Jahrzehnte klinischer Erfahrung | 3 Phase-3-RCTs plus Meta-Analyse seit 2017134 |
Wichtig zur Einordnung: Die obige Spalte rechts bezieht sich ausschließlich auf das verschreibungspflichtige Arzneimittel Epidiolex® (in Europa Epidyolex®), nicht auf freiverkäufliche CBD-Produkte. Auf den entscheidenden Unterschied gehen wir weiter unten ein.
Höher konzentriertes Vollspektrum-Öl aus EU-Nutzhanf mit Cannabinoid- und Terpenprofil. Mit unabhängigem Laborzertifikat. Hinweis: kein Arzneimittel, ersetzt keine ärztlich verordnete Therapie.
Zum ProduktNebenwirkungen und Wechselwirkungen
Iffland und Grotenhermen haben 2017 in Cannabis and Cannabinoid Research einen Sicherheitsreview vorgelegt, der bis heute oft zitiert wird6. Im Wesentlichen gilt CBD bei oraler Gabe als gut verträglich. Die häufigsten Nebenwirkungen in den Phase-3-Epilepsiestudien waren Müdigkeit, Appetitverlust, Durchfall und in Einzelfällen ein Anstieg der Leberenzyme. Diese Effekte hängen stark von der Dosis ab. Antiepileptische Wirkdosen liegen bei 10 bis 25 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht täglich, also einer ganz anderen Größenordnung als die im Wellnessbereich üblichen Mengen.
Der wichtigste Wechselwirkungspunkt ist das Antiepileptikum Clobazam. CBD hemmt das Cytochrom-P450-Enzym CYP2C19, welches Clobazam abbaut. In der Folge steigt der Spiegel des aktiven Clobazam-Metaboliten N-Desmethylclobazam, was die Wirkung verstärkt, aber auch die Sedierung. Praktisch bedeutet das: Eine Kombination kann sinnvoll sein, gehört aber zwingend in die Hand einer Neurologin oder eines Neurologen, mit regelmäßiger Spiegelkontrolle.
Weitere relevante Wechselwirkungen betreffen Valproinsäure, bestimmte Statine und Blutverdünner. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte vor jeder eigenmächtigen CBD-Einnahme den Beipackzettel prüfen lassen oder eine Apotheke konsultieren. Allgemeine Hinweise zu typischen Anwendungsfehlern haben wir im Beitrag Fehler bei der CBD-Einnahme zusammengestellt.
Was freiverkäufliches CBD leisten kann
An dieser Stelle ist eine ehrliche Abgrenzung wichtig. Freiverkäufliche CBD-Öle, wie Sie sie auch bei uns finden, sind keine Arzneimittel und dürfen rechtlich keine Heilversprechen für Epilepsie machen. Sie unterscheiden sich von Epidiolex® in mehreren Punkten:
- Konzentration und Dosierung: Ein 15-prozentiges CBD-Öl liefert pro Tropfen rund 5 Milligramm CBD. Antiepileptische Studiendosen liegen bei 10 bis 20 mg pro kg Körpergewicht täglich, also bei einem 30-Kilo-Kind etwa 300 bis 600 mg pro Tag. Solche Mengen ließen sich nicht sinnvoll mit handelsüblichen Ölen erreichen.
- Standardisierung: Arzneimittel werden auf Wirkstoffgehalt und Reinheit produziert, mit GMP-Zertifizierung und behördlicher Überwachung. Freiverkäufliche Produkte unterliegen Lebensmittelstandards. Hochwertige Hersteller veröffentlichen unabhängige Laborzertifikate, die genau diese Lücke schließen sollen.
- Vollspektrum oder isoliert: Epidiolex® enthält hochreines CBD ohne Begleitstoffe. Vollspektrum-Öle enthalten zusätzlich kleine Mengen an CBG, CBC, Terpenen und legalen Spuren von THC. Ob das einen klinischen Unterschied bei schwerer Epilepsie macht, ist nicht abschließend geklärt, die Pamplona-Daten geben Hinweise4.
Ein freiverkäufliches Öl kann begleitend, in Absprache mit der Ärztin oder dem Arzt, im Alltag eingesetzt werden, etwa zur allgemeinen Entspannung, Schlafförderung oder Stressreduktion bei Patienten, die gleichzeitig eine epileptologische Behandlung haben. Es ersetzt aber unter keinen Umständen verordnete Antikonvulsiva. Mehr zur grundsätzlichen Verwendung lesen Sie in unseren Beiträgen Vorteile von CBD-Öl und Vollspektrum-Öle.
Was die nächsten Jahre bringen werden
Mit der Zulassung von Epidiolex® hat sich die Diskussion um CBD bei Epilepsie grundlegend verschoben. Die Frage ist nicht mehr, ob CBD wirken kann, sondern bei welchen Patientengruppen es welche Rolle einnehmen soll. In Studien werden derzeit weitere Indikationen geprüft, darunter fokale Epilepsien beim Erwachsenen und perinatale Epilepsien bei Säuglingen. Auch Langzeitdaten zur Sicherheit über fünf bis zehn Jahre Behandlung werden zunehmend verfügbar.
Parallel läuft die Forschung an anderen Cannabinoiden weiter. Vor allem CBDV (Cannabidivarin) zeigt in Tiermodellen ähnliche antikonvulsive Eigenschaften wie CBD und befindet sich in klinischer Prüfung. Wer den Markt darüber hinaus im Auge behalten möchte, findet in unserem Beitrag zu CBDP einen Ausblick auf neuere Entwicklungen aus der Cannabinoid-Familie. Für den Moment bleibt CBD in seiner verschreibungspflichtigen, hochreinen Form das medizinisch relevanteste Cannabinoid bei Epilepsie.
- Vorteile von CBD-Öl im Überblick
- CBD für Tiere bei Epilepsie und Angst
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- CBD-Öl Erfahrungen
- Alle CBD-Öle im Shop
Häufig gestellte Fragen
Ist CBD bei Epilepsie ein zugelassenes Arzneimittel?
Ja, aber nur in einer ganz bestimmten Form. Das verschreibungspflichtige Arzneimittel Epidiolex® (in Europa: Epidyolex®) wurde 2018 von der FDA in den USA und 2019 von der EMA in Europa zugelassen. Es enthält hochreines pflanzliches CBD und ist für drei Epilepsieformen zugelassen: Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom und Tuberöse Sklerose12. Es ist ausschließlich auf ärztliche Verschreibung erhältlich. Freiverkäufliche CBD-Öle aus dem Fachhandel sind keine Arzneimittel und dürfen rechtlich keine Heilwirkung bei Epilepsie versprechen.
Welche Epilepsieformen sprechen besonders gut auf CBD an?
Die belastbarste Datenlage liegt für drei seltene, schwere Syndrome vor: Dravet-Syndrom, Lennox-Gastaut-Syndrom und Tuberöse Sklerose. Bei diesen Formen wurde CBD in Phase-3-Studien gegen Placebo getestet und zeigte signifikante Reduktionen der Anfallsfrequenz13. Beobachtungsstudien deuten auch bei anderen therapieresistenten Formen auf positive Effekte hin4, hier ist die Evidenz aber schwächer. Über den möglichen Einsatz im Einzelfall entscheidet die Neurologin oder der Neurologe.
Welche Wechselwirkungen mit Antiepileptika sind bekannt?
Die wichtigste klinisch relevante Wechselwirkung betrifft Clobazam. CBD hemmt das Leberenzym CYP2C19 und erhöht dadurch den Spiegel des aktiven Clobazam-Metaboliten. Beide Wirkungen verstärken sich gegenseitig, was therapeutisch günstig sein kann, aber auch die Sedierung erhöht. Auch mit Valproinsäure, einigen Statinen und Blutverdünnern sind Interaktionen beschrieben6. Eine Kombination mit verordneten Antiepileptika gehört zwingend in ärztliche Hand mit regelmäßiger Kontrolle der Plasmaspiegel.
Wie hoch wird CBD in den Studien zur Epilepsie dosiert?
Die Standarddosierungen in den Phase-3-Studien liegen zwischen 10 und 20 Milligramm CBD pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, aufgeteilt auf zwei Einnahmen12. Für ein 30 Kilogramm schweres Kind sind das täglich rund 300 bis 600 Milligramm hochreines CBD. Diese Größenordnung ist mit handelsüblichen freiverkäuflichen Ölen nicht praktikabel, sondern eindeutig Domäne des verschreibungspflichtigen Arzneimittels. Die Dosierung beginnt einschleichend, mit Steigerung über zwei Wochen, um Nebenwirkungen wie Müdigkeit zu minimieren.
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